Im Jahr 2019 war ich auf Langeoog zu meiner ersten Vater-Kind-Kur. Eine Kur, die ich bis heute nicht vergessen habe – leider aus den falschen Gründen. Meine Frau war damals durch die Schwangerschaft erkrankt, ich hatte ein Burnout und innerhalb kürzester Zeit 20 Kilo verloren. Ich war am Ende meiner Kräfte und habe nur noch funktioniert. Eigentlich hätte ich damals schon eine Reha statt einer Kur gebraucht, aber das hat mir niemand gesagt. Daher habe ich eine Kur bekommen.
Ein Jahr später kam die Corona-Pandemie. So verging die Zeit schneller, als einem lieb ist. Meine Tochter war inzwischen gewachsen und bereits in der Grundschule, ich bin grauer geworden. Die längst überfällige Reha wurde immer wieder verschleppt.
Die Zeit rennt. Das weiß jeder Alleinerziehende.
Die Zeit hat mich bis jetzt immer überholt. Doch dieses Mal nicht. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich in einer echten Reha. Fünf Wochen lang war ich in der Dr.-Ebel-Vogelsbergklinik in Grebenhain. Wiederherstellung. Stressabbau. Worte, die sich für einen alleinerziehenden Vater fast surreal anfühlen, weil Stress bei uns kein Ausnahmezustand ist, sondern zum Alltag gehört. Stress ist häufig der Normalbetrieb – seit Jahren.
Aber irgendwann macht der Körper nicht mehr mit, egal wie sehr man es ignoriert. Daher habe ich über meinen Hausarzt eine Reha beantragt. Zunächst habe ich eine Ablehnung von der Deutschen Rentenversicherung als Träger erhalten. Davon habe ich mich jedoch nicht abhalten lassen und direkt mit einem Widerspruch geantwortet, in dem ich auf den Umstand hingewiesen habe, dass ich seit Anfang 2019 alleinerziehend bin.
Siehe da, plötzlich war eine Bewilligung im Briefkasten. Die Rentenkasse hatte mir vier Kliniken zur Auswahl gestellt und ich hatte mich für die Vogelsbergklinik Grebenhain entschieden. Anfang Mai dieses Jahres habe ich einen Termin in der Klinik bekommen und wir konnten unsere Koffer packen.
Die Ankunft
Die Klinik selbst liegt idyllisch. Wald, Stille und sanfte Hügel: Das Hessische Bergland macht seinem Ruf alle Ehre. Schon bei der Ankunft spürt man, dass man hier wirklich abseits der Welt ist. Kein Großstadtlärm, keine Geschäfte – kurz: ein Dorf auf einem vor Millionen von Jahren erloschenen Vulkan, dem größten in Mitteleuropa. Die Fläche ist 2,5-mal so groß wie Berlin, hat aber nur rund 11.000 Einwohner. Für einen Vater aus der Großstadt, der seit Jahren im permanenten Stressmodus unterwegs ist, ist diese Stille fast beängstigend – und gleichzeitig fühlt sie sich wie echte Erholung an.
Nach meiner Erfahrung mit der Horror-Kur in der AWO-Klinik Langeoog war meine Erwartungshaltung bewusst gedämpft. Ich ließ alles auf mich zukommen, so konnte ich nicht wieder enttäuscht werden. Außerdem wusste ich diesmal: Es handelt sich um eine Rehabilitation, nicht um eine Kur. Der Unterschied ist nicht nur medizinisch, sondern auch mental. Es geht nicht darum, kurz durchzuatmen. Es geht darum, Körper und Seele wieder zu heilen.
Was wirklich funktioniert hat
Wie schon auf dem Bromerhof ist das Personal auch hier einer der größten Pluspunkte. Es ist vom ersten Tag an freundlich, aufmerksam und menschlich. Wer selbst immer funktionieren muss und kaum Unterstützung erhält, weiß, wie viel ein freundliches Gesicht am Morgen bedeuten kann. Das klingt nach einer Kleinigkeit. Heutzutage ist es jedoch sehr selten.
Auch das Essen hat mich positiv überrascht: Es wird täglich frisch gekocht, ist abwechslungsreich und enthält erkennbar keine Fertigprodukte. Fünf Wochen lang dreimal täglich ein ordentliches Essen – das ist, wenn ich ehrlich bin, mehr Selbstfürsorge, als ich mir daheim in einem Monat gönne. Die Ironie des Lebens als alleinerziehender Vater mit einem „trockenen Esser“.
Das Therapieangebot war gut und wurde individuell nach den Bedürfnissen der Patienten gestaltet. Der Fokus auf Stressabbau und Wiederherstellung war spürbar und ich habe gemerkt, dass man dafür wirklich Zeit braucht. Einen Körper und einen Geist, die jahrelang auf Reserve gelaufen sind – durch den Burnout, durch die Erkrankung meiner Frau und durch alles, was seitdem noch dazugekommen ist – schaltet man nicht auf Knopfdruck ab. Dafür braucht es Zeit. Und eine Umgebung, die das ermöglicht. Die ruhige Waldlage im Vogelsberg tut genau das: Schon ein Spaziergang zwischen den Terminen wirkt wie ein Reset-Knopf, den ich im Alltag schlicht nicht besitze.
Wo es Nachholbedarf gibt.
Das möchte ich nicht verschweigen, gerade weil ich weiß, dass diese Zeilen auch von anderen Eltern gelesen werden, die sich fragen: „Ist das etwas für mich?”
Leider ist das kostenpflichtige WLAN (15 € für 35 Tage) auf den Etagen nicht zu gebrauchen. Da es nicht strukturiert ausgebaut ist, gab es kein verlässlich funktionierendes WLAN im Zimmer. Ich verstehe den Gedanken hinter dem digitalen Detox. Entweder gibt es gar kein WLAN oder es ist vollausgebaut. Ein bisschen schwanger geht nicht. Zudem ist man als alleinerziehender Vater auch in der Reha nicht nur Patient, sondern auch Haushaltsmanager, Ansprechpartner für die Schule und für das mediale Entertainment des Kindes. Daher musste ich hier zu 100 % auf meinen Mobilfunkvertrag zurückgreifen. Ich habe das 60-GB-Datenvolumen vollständig ausgereizt und musste sogar kostenpflichtig welches hinzubuchen.
Die Teeküche auf meiner Etage ist, um es freundlich zu sagen, in die Jahre gekommen. Es gibt weder einen Kühlschrank noch Grundgeschirr und auch keine Möglichkeit, dem Kind abends noch schnell etwas hinzustellen. Als Alleinerziehender hat man keine Backup-Option. Das ist kein Luxus, sondern Grundversorgung – und die fehlte.

Der Spielplatz der „Kinder Villa” ist außerhalb der Betreuungszeiten gesperrt. Ich verstehe Sicherheitsüberlegungen und Versicherungsdenken. Aber es ist nicht einfach, einem Kind zu erklären, dass der Spielplatz nur zehn Meter entfernt ist, aber trotzdem gesperrt bleibt.
Am meisten beschäftigt mich der Ausfall von Anwendungen und die de facto fehlende Möglichkeit zur Verlängerung für Alleinerziehende mit Kindern. Durch drei Feiertage und zwei Tage Kinder-AU ist eine ganze Woche an Therapieleistungen ersatzlos ausgefallen. Bei einer fünfwöchigen Reha entspricht das einem Fünftel der gesamten Behandlungszeit – ohne Ersatz, ohne Ausgleich, ohne Plan B. Die Chance, dass meinem Antrag auf Verlängerung mit Kind stattgegeben wird, beträgt leider weniger als 20%. Das Thema „Reha mit Kind” ist hier nur rudimentär und eher schlecht abgedeckt, hier ist noch viel Luft nach oben.
Mein Fazit
Ich fahre zwar mit einem guten Gefühl nach Hause. Meine nächste Reha würde ich aber wahrscheinlich in den Sommerferien machen und meine Tochter in der Zeit bei meinen Eltern lassen. Denn meiner Tochter hat es hier zwar auch gefallen, aber die Schule für die Gastkinder hier im Ort fing schon morgen um 7:30 Uhr mit der ersten Stunde an. Fast alle Kinder fanden, dass die Lehrer nicht richtig auf sie eingegangen sind, und dass es für Kinder im Grundschulalter hier nicht viel gab.
Die Klinik kann das besser. Das Personal, das Essen, das Therapieprogramm, die Natur – dort steckt echte Substanz drin. Als Vater, der eigentlich schon 2019 eine Reha gebraucht hätte und stattdessen sieben weitere Jahre durchgehalten hat, tue ich gut daran, das anzuerkennen.
Aber die Klinik denkt noch nicht konsequent genug vom Alltag der Familien – und schon gar nicht vom Alltag der Alleinerziehenden – aus. Wir kommen ohne Netz und doppelten Boden aus. Wir brauchen eine funktionierende Infrastruktur, zugängliche Spielplätze und einen echten Ausgleich, wenn Therapiestunden ersatzlos wegfallen.
Hätte ich die Reha schon 2019 bekommen sollen? Ja. Wäre vieles leichter gewesen? Wahrscheinlich. Aber die Ärzte haben damals nur eine Kur bewilligt, was auch daran liegt, dass viele den Unterschied bis heute nicht kennen. Ich habe weitergemacht, wie alleinerziehende Menschen das eben tun. Jetzt war ich endlich da. Und das zählt.
Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht? Wartet ihr auch so lange auf eine Reha? Oder seid ihr als Alleinerziehende in eine Reha gefahren und habt ganz andere Dinge erlebt? Schreibt mir gern in die Kommentare.

