Neulich hatte ich Post von der Familienkasse im Briefkasten. Dick und fett steht da: »Wichtige Information«. Mein Puls geht kurz hoch – was ist denn jetzt wieder? Fehlt ein Nachweis? Gibt es Probleme beim Kindergeld? Ich reiße den Umschlag auf und was steht da? Die Familienkasse (Agentur für Arbeit) hat mitgeteilt, dass sie ab sofort digital über ein eigenes digitales Postfach kommuniziert. Sollte man damit nicht einverstanden sein, müsse man widersprechen.
Ich finde es schon ein wenig ironisch: Ein Brief, per Schneckenpost verschickt, soll mir sagen, dass wir jetzt moderner werden. Hallo und willkommen im Jahr 2026! Die Digitalisierung in deutschen Behörden hat sich in den vergangenen Jahren eher schleppend entwickelt. Man bedruckt und verschickt (analoges) Papier, um zu zeigen, dass es nicht mehr weitergeht.
Eigentlich ist der Gedanke ja glücklich. Wer will heute noch Aktenordner wälzen? Aber der Teufel steckt im Detail – oder besser gesagt: in der unfassbaren Kleinstaaterei unserer Behörden-IT. Denn statt einer Plattform, auf der ich alles finde, was für mein Kind und mich wichtig ist, baut sich jede Behörde ihr eigenes digitales Luftschloss.
Warum gibt es kein einheitliches Postfach für alle Behörden?
Die Realität für uns Eltern in Deutschland sieht nämlich so aus: Wir haben nicht ein digitales Postfach, sondern einen ganzen Postfach-Dschungel. Da gibt es das Elster-Postfach für die Steuer. Das Postfach der Bundesagentur für Arbeit (zu der die Familienkasse gehört), die BundID als angeblich zentrales Konto, das „Mein Justizpostfach“ (MJP) für rechtliche Dinge und dann noch die unzähligen Serviceportale der Länder und Kommunen, von der BayernID bis zum Berliner Service-Konto.
![Ein vierteiliges, grafisches Flussdiagramm vergleicht die "Ausgangssituation" der föderalen Digitalisierung in Deutschland mit einer angestrebten "Vision".
Auf der linken Seite, unter dem Titel "Ausgangssituation", befindet sich ein unübersichtliches Netzwerk aus Linien und Beschriftungen. Ein Problem ist die "diverse Postfächer mit gleicher Funktion", welche "die Nutzendenakzeptanz reduziert". Ein weiteres Problem sind "redundante und technisch heterogene Anschlüsse von Behörden", welche "die Digitalisierung ausbremsen". Zudem stellen "Lösungen mit unterschiedlichen Schutzkonzepten [...] Risiken für die Ende-zu-Ende Sicherheit" dar. Die "Weiterentwicklung und Betrieb mehrerer Lösungen treiben Kosten und Aufwände in die Höhe". In der Mitte dieses Diagramms sind verschiedene Akteure und Plattformen genannt, darunter Privatpersonen, Sonstige, Verwaltung, Justiz, private Organisationen, ZBP, Elster Postfach 2.0, MJP, TI-M, OZGP, EGVP, De-Mail und Bu-M, die durch Pfeile miteinander verbunden sind.
Auf der rechten Seite, unter dem Titel "Vision — im Rahmen der Föderalen Digitalstrategie", ist die Grafik viel übersichtlicher gestaltet. Ein Pfeil am unteren Rand weist von der Ausgangssituation zur Vision hin. In der Mitte steht "Konsolidierte Postfach- und Kommunikationsinfrastruktur". Es wird eine Zukunft skizziert, in der "Ein Zugang je Nutzer:in bzw. je Nutzenden-gruppe" und "Ein Anschluss je Verfahren auf aktuellem Stand der Technik" existieren. Es gibt "Ein durchgängiges Konzept für die Ende-zu-Ende Sicherheit" und "Eine Infrastruktur, die wirtschaftlich betrieben und weiterentwickelt werden kann". Akteure in diesem Szenario sind ebenfalls Privatpersonen, Verwaltung, Justiz und private Organisationen, die nun über klare Linien mit der konsolidierten Infrastruktur verbunden sind.
Am unteren Rand der Grafik werden einige der verwendeten Abkürzungen in der Ausgangssituation erläutert. Bu-M ist der BundesMessenger, EGVP das Elektronische Gerichts- und Verwaltungspostfach, MJP das Mein Justizpostfach, OZGP das OZG-PLUS-Postfach, TI-M der Telematikinfrastruktur-Messenger (Gesundheitswesen) und ZBP das Zentrales Bürgerpostfach (BundID).](https://hauptstadtpapa.com/wp-content/uploads/2026/09/HauptstadtPapa.com-Postfach-Wildwuchs-1024x576.jpeg)
Recherchen zeigen, dass der IT-Planungsrat zwar bereits Mitte 2025 über einen radikalen Neustart nachdenkt, um diesen Wildwuchs bis 2028 durch eine einheitliche Infrastruktur auf Basis des Matrix-Standards zu ersetzen, aber bis dahin bleibt es bei der Fragmentierung. Die Experten kritisieren völlig zurecht, dass dieser „Bruch im User Flow“ die Bürger überfordert. Zudem entsprächen die Bestandslösungen oft nicht dem Stand der Technik, zum Beispiel hinsichtlich der Verschlüsselung.
Kurzum: Wenn ich für jedes digitale Behörden-Postfach einen anderen Log-in, eine andere 2-Faktor-Authentifizierung mit einer anderen Benutzeroberfläche benötige, dann ist das keine Erleichterung, sondern eine Frechheit! Wer hat als #Alleinerziehender die Zeit, sich durch fünf verschiedene Portale zu klicken, nur um zu prüfen, ob Mitteilungen oder Bescheide z. B. für den Kita-Gutschein oder die Kindergelderhöhung da sind?
Dazu kommt, dass diese Systeme oft nicht einmal sicher, geschweige denn benutzerfreundlich sind. Das „Mein Justizpostfach“ stand massiv in der Kritik, weil es Lücken im Datenschutz aufwies. Und während wir Bürger uns mit komplizierten Log-ins herumschlagen, kämpfen manche Verwaltungen in Berlin im Jahr 2026 immer noch mit überfüllten E-Mail-Postfächern, weil Speicherlimits erreicht sind. Das ist kein digitaler Fortschritt, das ist digitaler Stillstand mit Ansage!
Die Familienkasse wirbt zwar damit, dass Anträge jetzt über die BundID gestellt werden können, was zumindest ein kleiner Schritt in Richtung Zentralisierung ist. Aber solange nicht alle Behörden an einem Strang ziehen und wir Bürger gezwungen werden, IT-Experten für den eigenen Behörden-Marathon zu werden, bleibt das Ganze ein schlechter Witz. Digitalisierung muss das Leben erleichtern, nicht den bürokratischen Stress nur von der Poststelle auf den Bildschirm verlagern!
Mein Fazit
Wir benötigen keinen digitalen Flickenteppich, der nur Frust erzeugt! Wir benötigen eine klare Regelung, in der die Politik definiert wird und festlegt, welches Postfach das eine Behörden-Postfach ist. Denn es ist nicht einzusehen, dass ich im Jahr 2026 für mein Kind und mich über zehn verschiedene Accounts verwalten muss, nur weil sich Bund, Länder und Kommunen nicht auf einen Standard einigen können. Das ist kein technisches Problem, sondern ein Versagen der politischen Führung!
Meine Schlussfolgerung ist eindeutig: Diejenigen, die die Digitalisierung nur als „Abschaffung von Papier“ betrachten, haben den Schuss nicht gehört. Echte Digitalisierung stellt den Menschen in den Mittelpunkt. Wir werden hier nicht weiterkommen, bis der Staat seine internen Zuständigkeitskämpfe nicht in den Griff bekommt. Schafft ein Postfach für alles – oder lasst es bleiben und schickt mir weiterhin analoge Briefe. Die kann ich wenigstens ohne extra Passwort lesen!
Wie seht ihr das? Habt ihr auch schon Post von der Familienkasse bekommen oder kämpft ihr mit anderen Portalen? Schreibt mir eure Meinung in die Kommentare oder im Fediverse.
Euer
HauptstadtPapa

